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Bundesumweltminister Röttgen hat angekündigt, die Endlagersuche neu aufzurollen und verkauft uns dies als „ergebnisoffene“ Suche „ohne Tabus“. Doch die Ankündigung bleibt hohl - denn gleichzeitig lässt er den Salzstock in Gorleben rund um die Uhr zum Endlager ausbauen. Solange in Gorleben weiter Fakten geschaffen werden, verkommt Röttgens angeblich ergebnisoffene Endlagersuche zur reinen Farce.
Jetzt braucht es Druck für einen Verzicht auf Gorleben als Endlagerstandort. Anschließend muss in einer breiten gesellschaftlichen Debatte grundlegend geklärt werden, wie Atommüll möglichst sicher gelagert werden kann. Fordern Sie von Röttgen das Aus für Gorleben als Endlager!
Hoch radioaktiver Atommüll strahlt eine Million Jahre. Bisher gibt es kein Verfahren, den strahlenden Abfall aus den Atomkraftwerken über solch lange Zeiträume sicher zu lagern – sofern dies überhaupt möglich ist. Fast in allen Gesteinsformationen drohen geologische Verschiebungen. Wissen und Erinnerung sind nicht von solch langer Dauer. Die Zeit der Pharaonen ist zum Beispiel noch nicht einmal 5.000 Jahre her – und trotzdem reicht die Erinnerung der heutigen Menschheit nicht so weit zurück, dass wir das Geheimnis der Pyramiden entschlüsseln könnten.
Mehr als 6.000 Tonnen hochradioaktiven Atommüll haben die deutschen Atomkraftwerke bisher erzeugt – und bis zum vereinbarten Ausstiegstermin 2022 kommen aus den neun noch laufenden Anlagen noch einmal über 2.000 Tonnen hinzu. Tausende Tonnen Strahlenmüll, für die es keine dauerhafte Lagermöglichkeit gibt.
Tag für Tag produzieren die AKWs strahlenden Müll - für den es bislang keine Lösung gibt.
In den 1970er Jahren wurde der Gorlebener Salzstock im Nordosten von Niedersachsen als Endlagerstandort ausgewählt - nach politischen, nicht nach fachlichen Kriterien. Der an der damaligen innerdeutschen Grenze gelegene Ort galt als „Antwort“ auf die grenznahe Einlagerung von Atommüll in Morsleben durch die DDR. Zudem brauchte man eine schnelle Lösung des Müllproblems, um den Bau neuer AKWs legitimieren zu können. Seit Jahrzehnten wird der Salzstock nun schon „erkundet“ - und dabei de facto illegal zum Endlager ausgebaut. Rund um die Uhr werden in Gorleben Fakten geschaffen. 1,6 Milliarden Euro wurden im Salzstock bereits verbaut.
Dabei stellten Wissenschaftler/innen bereits 1981 bei ihren ersten Bohrungen fest, dass eine wasserdichte Tonschicht über dem Salzstock fehlt, und das Grundwasser damit direkten Kontakt zum Salzstock hat. Radioaktive Stoffe könnten so auf lange Sicht ins Grundwasser gelangen. Schon dies hätte das Aus für Gorleben bedeuten müssen. Stattdessen wurden Sicherheitskriterien immer wieder verändert und an die Situation in Gorleben angepasst. Neben dem Kontakt zum Grundwasser stellen Gas- und Kondensateinschlüsse im Salzstock ein erhebliches Risiko dar. Unter dem Salzstock liegt das größte Erdgasvorkommen Deutschlands.
Was mit Atommüll in einem undichten Salzstock passieren kann, zeigt das Beispiel Asse: In das „Versuchsendlager“ im ehemaligen Salzbergwerk Asse II bei Wolfenbüttel kippten Atomkraftwerksbetreiber in den 1970er Jahren 126.300 Fässer mit schwach und mittelstark strahlenden Betriebsabfällen. Mindestens 100.000 Jahre sollte die Asse nach „Expertenmeinung“ dicht halten. Doch nur knapp 30 Jahre später muss die Betreibergesellschaft zugeben: Die Asse säuft ab. Tag für Tag fließen elf Kubikmeter Lauge ins Bergwerk. Radioaktivität droht ins Grundwasser zu gelangen.
Derzeit wird der Atommüll in Zwischenlagern an den AKW-Standorten und im Zwischenlager Gorleben gelagert. Seit 1995 wird Atommüll aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in das oberirdische Zwischenlager in Gorleben – direkt neben dem Salzstock - gebracht. Ende Novenber soll erneut ein Castor-Transport nach Gorleben rollen, weitere Transporte mit Atommüll aus Sellafield und mittelradioaktivem Strahlenmüll aus Frankreich sind geplant. Mit jedem Transport ins Zwischenlager wird der völlig ungeeignete Standort weiter als Endlager zementiert.
Kein Zwischenlager ist für eine längerfristige Lagerung von Atommülll ausgerichtet. Diesen Sommer wurde bekannt, dass die Strahlenwerte am Zwischenlager Gorleben erhöht sind, und mit der Einlagerung von weiterem Atommüll überschritten werden könnten. Dabei ist das Lager erst zu einem Viertel mit Castoren gefüllt. Das niedersächsische Umweltministerium rechnete die Messergebnisse daraufhin herunter und genehmigte den Transport trotzdem. Die Umweltorganisation Greenpeace hat Akteneinsicht gefordert, um der Schummelei mit den Strahlenwerten auf den Grund zu gehen – doch bislang rückt das Ministerium die Akten nicht heraus.
Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat auch in die Endlagerfrage Bewegung gebracht: Bayern und Baden-Württemberg haben sich endlich zu einer Endlagersuche in ihren Regionen bereit erklärt. Jetzt soll eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe ein Endlagersuchgesetz entwickeln. Doch solange Gorleben als Endlager nicht ausgeschlossen wird, droht das Gesetz zu einem "Gorleben-Durchsetzungsgesetz" zu werden. Eine wirklich ergebnisoffene Suche nach neuen Standorten kann es nicht geben, solange Gorleben im Topf bleibt – schließlich wurden dort schon 1,6 Milliarden Euro verbaut.
Daher müssen wir jetzt für das endgültige Aus für Gorleben als Endlagerstandort sorgen. Statt einer überstürzten Endlagersuche braucht es erst einmal eine breite öffentliche Debatte und die fundierte Erarbeitung wissenschaftlicher Kriterien für eine Endlagersuche. Es muss zuallererst nicht um das „Wo“ gehen, sondern um das „Wie“. Welche Vor- und Nachteile hat welches Gestein? Soll der Müll rückholbar gelagert werden und damit über Tage oder oberflächennah? Oder soll er in möglichst tiefe Erdschichten vergraben werden? Zudem muss geklärt werden, wie ein transparentes Verfahren zur Endlagersuche aussehen kann, an dem die Bürger/innen ernsthaft beteiligt werden.
Die Proteste der Gorleben-Gegner/innen haben schon viel erreicht: Bayern und Baden-Württemberg haben ihre Blockadehaltung aufgegeben. Die niedersächsische Landesregierung rückt vorsichtig von Gorleben ab. Jetzt braucht es weiter Druck für einen Verzicht auf Gorleben als Endlagerstandort. Helfen Sie mit!