Nimm mit 606.789 Campact-Aktiven Einfluss
auf aktuelle politische Entscheidungen.
Anrede,
für die Übersendung Ihrer Einschätzung zum Thema Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke möchte ich Ihnen zunächst danken. Sachlich teilen kann ich Ihre Einschätzung jedoch nicht.
Natürlich ist es für mich – und im Übrigen auch für die gesamte christlich-liberale Koalition – langfristig wünschenswert, den Energiebedarf unseres Landes aus erneuerbaren Energien zu decken. Das ist auch im Koalitionsvertrag so festgehalten. Dennoch bestehen sachliche Gründe, die es erforderlich machen, derzeit an der Kernenergie als Brückentechnologie zur Stromproduktion festzuhalten.
Der Anteil der Erneuerbaren Energien an der Gesamtstromproduktion in Deutschland beträgt derzeit etwa 17%. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 83% des Strombedarfes durch diese Energiequellen heute nicht gedeckt werden können. Gleichzeitig sind die Bürgerinnen und Bürger nicht bereit, auf eine stetige Stromversorgung und den dadurch gewährleisteten Komfort zu verzichten.
Was die Energiegewinnung aus Braun- und Steinkohle angeht, gebe ich Ihnen in dem Punkt Recht, dass diese aufgrund des damit einhergehenden, immensen CO₂-Ausstoßes langfristig nicht wünschenswert ist. Würde die Stromerzeugungslücke, die durch die Abschaltung der Kernkraftwerke entstünde, nämlich durch Kohlekraftwerke geschlossen, würde dies einen zusätzlichen Ausstoß von 150 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr bedeuten.
Die Stromerzeugung aus Erdgas bewirkt zwar einen geringeren CO₂-Ausstoß, bedeutet aber eine vollkommene Abhängigkeit von den Gashandelspartnern und führt aufgrund der höheren Einkaufskosten zu einem wesentlich höheren Strompreis. Auch das ist vor dem Hintergrund, dass bereits der derzeitige Strompreis als zu hoch kritisiert wird, durch die Bevölkerung offensichtlich nicht gewollt.
Diese Situation macht es unerlässlich, so lange an der Kernenergie als Brückentechnologie festzuhalten, bis der Strombedarf in Deutschland durch erneuerbare Energien verlässlich gedeckt werden kann. Denn nur so ist es möglich, der Bevölkerung und auch der deutschen Wirtschaft, eine bezahlbare, zuverlässige Stromversorgung zu liefern und gleichzeitig die ehrgeizigen CO₂-Reduktionsziele zu erreichen.
Die Stromerzeugung durch Kernenergie birgt auch Risiken, die einen verantwortungsvollen Umgang mit dieser Technik zwingend notwendig machen. Diese Risiken möchte aber auch weder ich, noch die christlich-liberale Koalition verheimlichen oder verharmlosen. Vielmehr kommt doch durch die Vereinbarung des Koalitionsvertrages zum Ausdruck, dass wir die Kernenergie nicht für ein „Ewigkeitsmodell“ halten.
Aus diesen Gründen werde ich im Deutschen Bundestag nicht gegen längere Laufzeiten für Kernkraftwerke stimmen.
An dem weiteren Diskurs über die Lösung dieses Versorgungsproblems ohne die Erhöhung des CO₂-Ausstoßes bin ich auch in Zukunft interessiert.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Dr. Michael Paul, MdB